Ursachen und Therapie des medizinischen Notfalls

Kammerflimmern: Daran erkennen Sie die Herzstörung

Es tritt meist plötzlich auf und hat fast immer einen handfesten Grund: Kammerflimmern ist eine lebensgefährliche Herzrhythmusstörung, die sofort mit Reanimation oder Defibrillator behandelt werden muss. Das Herz zieht sich beim Flimmern zwar noch zusammen, diese Kontraktionen sind aber nutzlos.

Bewusstloser Mann, Notarzt
Kammerflimmern ist ein absoluter Notfall: Mit einem Defibrillator kann der Rettungsdienst das Herz wieder in den richtigen Rhythmus bringen.
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Herzkammerflimmern (Ventricular fibrillation, kurz V. fib) ist ein absoluter Notfall, bei dem das Herz eine unkoordinierte Serie sehr schneller, aber nutzloser Kontraktionen auslöst: Die Kammern (Ventrikel) werden normalerweise ausreichend mit Blut gefüllt, das sie anschließend in den Körper entleeren. Beim Kammerflimmern befüllen beziehungsweise entleeren die Kontraktionen die Ventrikel dagegen nicht mehr wirksam. Der Grund: Das Herz bewegt sich so schnell, dass es das Blut nicht mehr richtig aufnehmen und durch den Körper pumpen kann.

Reanimation (Wiederbelebung)

Kammerflimmern: Fünfmal mehr Herzschläge pro Minute

Die Herzfrequenz liegt hier bei über 350 Schlägen pro Minute. Zum Vergleich: Bei einem gesunden Erwachsenen bewegt sich das Herz in Ruhe mit durchschnittlich 60 bis 80 Schlägen pro Minute.

Im Normalfall pumpt das Herz Blut durch unseren Körper, um jeden Bereich ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Dazu muss sich das Herz aber kontrahieren, also schlagen. Den Takt für diese Bewegung gibt das autonome Erregungszentrum, der sogenannte Sinusknoten, vor. Erzeugt er einen Reiz, erreicht dieser über die sich zusammenziehende Vorhofmuskulatur einen weiteren Knoten, den Atrioventrikularknoten (AV-Knoten). Von dort breitet sich die Erregung bis in die Herzspitze aus, wo sie durch bestimmte Fasern (Purkinje-Fasern) über den gesamten Herzmuskel und an alle Zellen verteilt wird. So zieht sich das komplette Organ gleich- und regelmäßig zusammen. Nach jedem Herzschlag füllen sich die Herzkammern wieder mit Blut, das mit der nachfolgenden Kontraktion wieder in den Körper gepumpt wird.

Hohe Frequenzen verhindern Kontraktion des Herzens

Kammerflimmern kann durch eine unzureichende Blutversorgung des Herzmuskels entstehen. Das Herz erhält zu wenig Sauerstoff, während sich Kohlendioxid (CO2) weiter anreichert und zum Sinken des pH-Wertes führt (Übersäuerung). Dadurch verändert sich die Leitfähigkeit der Herzmuskelzelle und der Stromimpuls, der zum Zusammenziehen der Zelle führt, wird nur verzögert weitergegeben. Das bringt die Reizleitung zum Stolpern und die Zellen beginnen sich gegenseitig zu erregen. Durch diese sogenannten ventrikulären Extrasystolen (Extraschläge) können ständig kreisende Erregungen (Mikro-Reentry-Kreise) entstehen. Diese können in einer sehr hohen Frequenz ablaufen.

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Damit werden die Muskelzellen zwar noch immer elektrisch aktiviert. Durch die unkoordinierte Kontraktion kann sich das Herz aber nicht mehr richtig zusammenziehen. Stattdessen zittert beziehungsweise flimmert der Muskel nur noch. Somit bringt er auch nicht genügend Kraft auf, das in den Kammern befindliche Blut in den Körper zu pumpen. Ein Zustand, den Mediziner als funktionellen Herzstillstand bezeichnen. Durch das hochfrequente Zittern verbraucht der Muskel sehr viel Energie. Ohne unverzügliche Behandlung verwertet er alle Kraftreserven und hört schließlich komplett auf, sich zu bewegen (Asystolie).

Bewusstlosigkeit als Leitsymptom für Kammerflimmern

Das Leitsymptom von Herzkammerflimmern ist Bewusstlosigkeit, die innerhalb weniger Sekunden eintritt. Die betroffene Person bricht daher plötzlich zusammen. Sie wird außerdem bleich, die Lippen verfärben sich blau und sie hat stark geweitete und starre Pupillen. Zusätzlich lässt sich weder Puls oder Blutdruck noch eine Atemtätigkeit mehr feststellen.

Obwohl Kammerflimmern in der Regel unangekündigt auftritt, gibt es bestimmte Warnsignale. Das sind meist Symptome der ursächlichen Herzerkrankung. Dazu zählen zum Beispiel (linksseitige) Brustschmerzen, häufiger Schwindel oder Ohnmacht und Atemnot bereits bei geringer körperlicher Anstrengung.

Geschädigter Herzmuskel als Ursache für Kammerflimmern

Schuld an der Herzrhythmusstörung ist in den meisten Fällen ein geschädigter Herzmuskel. Diese Schädigung ist in der Regel auf die Koronare Herzkrankheit (KHK) zurückzuführen. Rund 80 Prozent der Betroffenen leiden darunter. Der Verschluss eines Herzkranzgefäßes (akuter Herzinfarkt) oder ein Kreislaufschock können ebenfalls die Ursache für die ventrikuläre Fibrillation sein. Ein Kreislaufschock wird zum Beispiel durch Stromschlag, Ertrinken, einen sehr niedrigen Kaliumspiegel im Blut (Hypokalämie) und Medikamente, welche die Erregungsleitung des Herzens beeinflussen (Natrium- und Kaliumantagonisten), ausgelöst.

Zwölf Tipps für ein gesundes Herz

Außerdem kann auch eine Entzündung des Herzmuskels oder eine Herzinsuffizienz den wichtigen Muskel gefährlich schädigen. In 70 Prozent der Fälle geht der Herzrhythmusstörung eine Kammertachykardie (zu schneller Herzschlag, entstehend in der Herzkammer) voraus. Diese entwickelt sich dann mehr oder weniger schnell zu Kammerflimmern. Nur bei etwa fünf bis zehn Prozent der Patienten, die eine ventrikuläre Fibrillation überleben, können die Ärzte anschließend keine zugrunde liegende kardiale Erkrankung feststellen.

EKG: Nur noch ungeordnete und pendelnde Kurven

Kammerflimmern als Ursache eines Herzstillstands wird mittels eines Elektrokardiogramms (EKG) festgestellt. Darauf kann der Arzt allerdings keine typischen Ausschläge mehr erkennen: Das EKG ist ungeordnet, besteht nur noch aus unregelmäßigen Potenzialen, die schwingen (undulieren) und keine großen Ausschläge haben. Diese zeigen außerdem wechselnde Konturen und treten in unterschiedlichen Zeitintervallen auf. Zur Diagnose gehört zudem, dass der Arzt bei erfolgreicher Wiederbelebung die Grunderkrankung klärt.

Sofort mit Reanimation oder Defibrillation beginnen

Da Herzkammerflimmern ein absoluter Notfall ist, müssen Ersthelfer so schnell wie möglich mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung (Reanimation) beginnen. Dabei zählt jede Sekunde. Der mechanische Druck auf den Brustkorb quetscht das Herz zusammen und stellt dadurch zumindest einen minimalen Blutfluss zum Gehirn sicher. Wird die Herzmassage aber unterbrochen, krampfen die Zellen wieder unkontrolliert weiter. Daher sollten Ersthelfer möglichst durchgehend reanimieren, bis der Notarzt eingetroffen ist. Diesen sollte (ein weiterer Helfer) am besten zu Beginn der Herzdruckmassage rufen.

Sofern spezielle Defibrillatoren für Laien, sogenannte AED's (Automatisierte Externe Defibrillatoren), an Ort und Stelle vorhanden sind, können auch Laien mit der Frühdefibrillation (ambulante Defibrillation) beginnen. Denn: Nur ein Elektroschock kann das Kammerflimmern beenden. Dafür wird ein Stromstoß durch den Körper geleitet, der zu einem kurzfristigen Herzstillstand führt. Dieser aktiviert alle Muskelzellen gleichzeitig, wodurch jede anschließend wieder ihren normalen Takt findet.

So messen Sie den Puls richtig

Wird die ventrikuläre Fibrillation nicht sofort behandelt, erleidet der Patient spätestens nach fünf Minuten irreversible Hirnschäden. Nach zehn bis 15 Minuten ohne Reanimation tritt der Tod ein.

Verlauf: Beste Überlebenschance mit (Früh-)Defibrillation

Menschen, die Kammerflimmern durch Reanimation überlebt haben, haben ein höheres Risiko einen weiteren Anfall zu erleiden. Da jedoch inzwischen auch an vielen öffentlichen Plätzen, wie beispielsweise an Bahnhöfen, halbautomatische Defibrillatoren verfügbar sind, kann die Zeit bis zur Behandlung deutlich verkürzt werden. Dadurch erhöhen sich die Überlebenschancen um ein Vielfaches. Bei einer normalen Reanimierung und Defibrillation durch den Rettungsdienst liegt die Überlebenschance bei acht bis zehn Prozent, bei Einsatz der halbautomatischen Defibrillatoren erhöht sie sich stark.

Erste Hilfe - ungenügend

Was tun bei einem Unfall oder einem Herzstillstand? Das wisen die wenigsten. Schon zwei Jahre nach einem Erste-Hilfe-Kurs ist die Hälfte des darin erworbenen Wissens verloren. Der Film gibt Nachhilfe darin, wie mit Notfallpatienten umzugehen ist.

Patesbraut/quarks & co

Wenn der Arzt anschließend eine Diagnose wie KHK stellt, wird diese im Anschluss behandelt. Um Rückfällen vorzubeugen, erhält der Patient zudem Medikamente oder einen automatischen implantierbaren Cardioverter Defibrillator (ICD). Dieser überwacht die Herztätigkeit und stoppt Kammerflimmern direkt im Ansatz mit einem Stromstoß. Modernste Geräte sind sogar in der Lage, eine irreguläre Beschleunigung der Herzfrequenz durch Schrittmacherimpulse unter Kontrolle zu bringen, bevor es zum Notfall kommt und ein Stromstoß erforderlich wird.

KHK vorbeugen und sich vor Kammerflimmern schützen

Kammerflimmern können wir nicht direkt vorbeugen. Da es aber meist eine Folge der Koronaren Herzkrankheit ist, können wir mit Maßnahmen gegen die KHK versuchen, eine ventrikuläre Fibrillation zu vermeiden. Gefährdete Personen sollten daher:

  • auf eine ausgewogene Ernährung achten,
  • regelmäßig körperlich aktiv sein,
  • auf Zigaretten verzichten und
  • ab 35 Jahren stets zu den Vorsorgeuntersuchungen gehen.
Die drei schlimmsten Sünden fürs Herz

Lifeline/Wochit

Autor:
Letzte Aktualisierung: 26. Oktober 2017
Quellen: Hossmann, V., Beyer, D., Horsch, S., Roth, F.J.: Gesunde Gefäße ? Prävention und Heilung von Gefäßerkrankungen. HONOS Verlag, Köln 2005; Beers, M.H. (Hrsg.): MSD Manual. Handbuch Gesundheit. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005; Robert Koch Institut RKI (Hrsg.).: Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Koronare Herzkrankheiten und akuter Myokardinfarkt. Heft 33. RKI, Berlin 2006; Online-Information der Universitätsklinik Köln: http://www.medizin.uni-koeln.de/kliniken/hutc/patinfo/aicd.shtml (Stand Januar: 2008); Faller, A., Schünke, M.: Der Körper des Menschen: Einführung in Bau und Funktion. Georg Thieme Verlag, Stuttgart/ New York 2012; Stierle, Ulrich (Hrsg.): Klinikleitfaden Kardiologie. Elsevier Verlag, München 2017; Steffel, J., Lücher, T. F.: Herz-Kreislauf. Springer Medizin, Berlin/Heidelberg 2014; Arastéh, K.: Duale Reihe Innere Medizin. Georg Thieme Verlag, Stuttgart/ New York 2009

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