Blutgerinnung: Mädchen mit Schürwunde
© Getty Images/Sasi Ponchaisang / EyeEm
Veränderte Gerinnungneigung

Blutgerinnung: Diagnose und Behandlung von Gerinnungsstörungen

Die Blutgerinnung ist eine lebenswichtige Funktion des Körpers. Durch Krankheiten und äußere Einflüsse kann die Gerinnungsneigung sowohl herabgesetzt als auch verstärkt sein. Zweiteres kann zu unkontrollierbarem Blutverlust bei Verletzungen führen. Auch im umgekehrten Fall sind lebensbedrohlichen Komplikationen, etwa Thrombosen, möglich. Wie die Blutgerinnung funktioniert und wie sie mit Medikamenten beeinflusst werden kann.

Was passiert bei der Blutgerinnung?

Bei der Blutgerinnung (Hämostase und Koagulation) geht Blut vom flüssigen Zustand in ein Gel über und bildet so Blutgerinnsel (Thromben). Funktioniert dieser Mechanismus einwandfrei, verschließen geronnene Blutbestandteile blutende Wunden. So verhilft die Blutgerinnung bei Verletzungen zu einer Stillung von Blutungen und damit zur dauerhaften Unterbrechung eines Blutverlustes.

Blutgerinnung besteht aus zwei Phasen

Zunächst kommt es zu einer vermehrten Anlagerung von Blutplättchen (Thrombozyten) in den Wänden des verletzten Bereiches der Blutgefäße. Anschließend verklumpen die Blutplättchen, um dann zu gerinnen. Bei der Blutgerinnung entstehen also Blutpropfen (Gerinnsel). Ein Gerinnsel innerhalb eines Blutgefäßes wird Thrombus genannt.

Beteiligt an diesem Prozess sind mehrere aus Eiweißen bestehende Gerinnungsfaktoren (Faktor I bis XIII). Eine besondere Rolle am Ende des Gerinnungs-Mechanismus spielt zum Beispiel Fibrin (Faktor Ia): Er verbindet sich mit den Blutplättchen und wirkt dabei wie ein Klebstoff, um Wunden zu verschließen. Nach erfolgter Wundheilung wird der Fibrinthrombus wieder abgebaut.

Natürliche Förderung und Hemmung der Blutgerinnung

Der Körper verfügt natürlicherweise über Mechanismen zur Aktivierung und Hemmung der Blutgerinnung. 

Wann und wie wird Blutgerinnung vom Körper gefördert?

Die Blutgerinnung sorgt bei Verletzungen (bis zu einem gewissen Schwere) dafür, dass wir nicht verbluten. Die Förderung der Gerinnung ist daher besonders wichtig, wenn erhöhte Verletzungsgefahr besteht. Das ist etwa in Situationen der Flucht oder des Kampfes oder beim Sport der Fall. Weil der Körper in solchen Momenten erregt und in Alarmbereitschaft ist, schüttet er Botenstoffe wie Noradrenalin und Adrenalin aus. Zusätzlich zu diesen Stresshormonen fördern auch Immunbotenstoffe wie Interleukin-6 oder der Tumor-Nekrose-Faktor (TFN) die Blutgerinnung. Die Ausschüttung dieser Hormone spielt neben der Leistungssteigerung damit auch für die Blutgerinnung eine wichtige Rolle.

Die Blutgerinnung ist nicht nur für die Verschließung äußerer Wunden überlebensnotwendig, sondern auch für das Stillen innerer Blutungen. Blutungen im Inneren des Körpers können bereits durch kleine Stöße, aber auch ohne jegliche traumatische Einwirkung von außen, auftreten. Das Tückische: Sie gehen oft ohne Schmerzen einher und werden deshalb häufig nicht bemerkt. Innere Blutungen werden zum Beispiel durch lokale Entzündungen durch Infekte hervorgerufen. Auch Schnäuzen, Husten und andere körperliche Reaktionen fördern innere Blutungen. So kommt es im Körperinneren andauernd zu kleinsten Verletzungen von Blutgefäßen, welche im Falle einer funktionierenden Hämostase aber nicht gefährlich sind.

Nachteile der Blutgerinnung und natürliche Hemmung der Thrombusbildung

Der Mechanismus der Blutgerinnung kann allerdings auch nachteilig sein. Vor allem bei chronischen Entzündungen. Da der Körper bei andauernden Entzündungen ständig Thromben bildet, um die Blutungen zu stillen, steigt auch die Gefahr für Venenthrombosen und Lungenembolien.

Auch mit steigendem Lebensalter ist die Neigung des Blutes zur Koagulation erhöht, da entzündliche Reaktionen öfter als in jungen Jahren auftreten und der Körper mehr Stresshormone produziert als in jungen Jahren. Auch die Innenwände der Blutgefäße sind in erhöhtem Alter oft geschädigt, etwa durch Arterienverkalkungen bei Atherosklerose. Daher verfügt der Körper auch über Mechanismen, um die Gerinnung des Blutes auf natürliche Weise zu hemmen. Sogenannte im Blut befindliche Protease-Inhibitoren, etwa Protein C und Antithrombin, blockieren dabei Gerinnungsfaktoren.

Ursachen für Störungen der Blutgerinnung

Verschiedene Ursachen kommen für Störungen bei der Blutgerinnung infrage. 

Mögliche Gründe für unzureichende Gerinnung

  • Thrombozytopenie: Bei einer Thrombozytopenie befinden sich zu wenig Blutplättchen (Thrombozyten)  im Blut. Ursachen hierfür können eine Störung der Bildung oder ein gesteigerter Abbau der Thrombozyten sein.
  • Thrombozytenfunktionsstörung (Thrombozytopathie)
  • Mangel an Thromboxan A2: Dieses Gewebshormon kommt in Thrombozyten vor. Es kann etwa durch die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) verringert sein.
  • Hämophilie-A und -B: Bei der umgangssprachlich auch als Bluterkrankheit bezeichneten, erblich bedingten Krankheit, fehlt es an Gerinnungsfaktoren, weshalb die Blutgerinnung gestört ist.
  • Einnahme von gerinnungshemmenden Medikamenten (Antikoagulanzien)
  • Vitamin-K-Mangel: Das fettlösliche Vitamin spielt eine entscheide Rolle bei der Blutgerinnung. Eine mögliche Ursache für zu wenig Vitamin K sind Störungen in der Leberfunktion, etwa bei Leberzirrhose. Auch eine medikamentöse Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten, etwa mit dem Wirkstoff Cumarin, kann zu einem Mangel von Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren führen.

Ursachen für erhöhte Gerinnungsneigung

Andersherum gibt es auch zahlreiche Ursachen für eine erhöhte Gerinnungsneigung (Thrombophilie) des Blutes. Neben Störungen der Thrombozyten spielt hier auch eine zu langsame Fließgeschwindigkeit des Blutes eine wichtige Rolle. Thrombophilien können erblich oder durch äußere Faktoren bedingt sein.

Zu den erworbenen Ursachen einer erhöhte Gerinnungsneigung zählen:

  • Immobilität, etwa nach Operationen
  • zu hoher Homocystein-Spiegel
  • Medikamenteneinnahme (etwa von kortisonhaltigen Präparaten)
  • Gabe von Östrogen, etwa bei Hormonersatztherapie in den Wechseljahren oder durch Einnahme der Antibabypille
  • entzündliche Erkrankungen wie Rheuma
  • Diabetes mellitus Typ-2
  • Übergewicht und Adipositas
  • Rauchen

Mögliche angeborene Ursachen für Thrombophilie:

  • Protein-C- oder Protein-S-Mangel
  • Antithrombin-Mangel
  • Faktor-V-Mutation
  • gesteigerter Spiegel des Gerinnungsfaktors VIII

Diagnose: Blutgerinnungsstörungen feststellen

Bestimmten Personengruppen mit erhöhtem Thromboserisiko wird empfohlen, im Rahmen einer sogenannten Thrombophilie-Diagnostik untersuchen zu lassen, ob angeborene oder erworbene Ursachen für eine erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes bestehen. Auch vor operativen Eingriffen sollte untersucht werden, ob die Blutgerinnung in ausreichendem Maße funktioniert.

Zur Diagnose von Blutgerinnungsstörungen können spezifische Fragen im Rahmen der Anamnese erste Hinweise geben. Relevant sind hier zum Beispiel folgende Punkte (auch familiär):

  • Besteht eine erhöhte Blutungsneigung?
  • Besteht eine erhöhte Thromboseneigung?
  • Wird vermehrtes Nasenbluten oder Zahnfleischbluten beobachtet?
  • Bestehen Wundheilungsstörungen?
  • Ist eine Tendenz zu Nachblutungen, etwa nach Operationen, bekannt?
  • Werden Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung eingenommen?

Daneben sind Blutuntersuchungen wichtig, um Störungen im Prozess der Hämostase aufzudecken. So kann etwa die Thrombozytenzahl gemessen und auch die Dauer bis zur Fibrinbildung bestimmt werden.

Therapie: Blutgerinnungsstörungen behandeln

Die Behandlung einer Blutgerinnungsstörung richtet sich nach der jeweiligen Ursache und der Form der Gerinnungsstörung.

Blutgerinnung fördern bei verminderter Gerinnungsneigung

Bei medikamentös zu stark herabgesetzter Hämostase kann zum Beispiel die Dosierung der eingenommenen Antikoagulanzien langsam reduziert werden. Insbesondere vor Operationen muss die Therapie mit Gerinnungshemmern eventuell angepasst werden.

Besteht eine erhöhte Blutungsneigung durch Vitamin-K-Mangel, kann die Einnahme Vitamin-K-haltiger Präparate sinnvoll sein.

Funktioniert die Blutgerinnung etwa wegen der Bluterkrankheit Hämophilie nicht richtig, macht dies eine umfassende Anpassung des Lebensstils notwendig. Betroffene müssen sich regelmäßig einen Gerinnungsfaktor spritzen und den Verdacht auf innere Blutungen stets ärztlich abklären.

Blutgerinnung hemmen mit Antikoagulantien (Blutverdünnern)

Da vor allem mit zunehmendem Alter auch eine erhöhte Gerinnungsneigung lebensbedrohliche Folgen wie Thrombosen haben kann, werden gerinnungshemmende Wirkstoffe (Antikoagulantien), umgangssprachlich auch Blutverdünner, eingesetzt. Genau genommen verdünnen diese das Blut aber nicht, sondern hemmen die Gerinnung des Blutes. Eines der bekanntesten gerinnungshemmende Arzneimittel ist Marcumar. Nach einer Operation wird auch oft Heparin in Form von Thrombosespritzen verabreicht.

Die Wirkstoffe werden bei verschiedenen thromboembolischen Beschwerdebildern eingesetzt. Dazu gehören unter anderem:

  • Vorhofflimmern
  • vaskuläre Demenz (Multiinfarktsyndrom)
  • Thrombose 
  • Lungenembolie
  • arteriosklerotischen Veränderungen der Gefäße
  • nach Operationen wie Stent-Implantation Herzklappenersatz
  • längere Immobilität, etwa bei Bettlägerigkeit oder bei Nutzung eines Rollstuhls

Die gefährlichsten Komplikationen einer gerinnungshemmenden Behandlung sind akute Blutungen. Wer auf die Einnahme von Antikoagulantien angewiesen ist, sollte darüber aufgeklärt werden, dass es bei Verletzungen zu einem erhöhten Blutverlust kommen kann. Die Einnahme gerinnungshemmender Wirkstoffe muss deshalb streng medizinisch überwacht werden. Betroffenen wird außerdem empfohlen, immer einen Gerinnungshemmungs-Ausweis bei sich zu tragen, der vom Arzt ausgehändigt werden kann. So kann in Notsituationen, etwa bei Unfällen, besser reagiert werden.